Landratswahl Landkreis Eichstätt

Fragen des Jurahausvereins: Was fällt Ihnen spontan ein, wenn Sie das Wort „Jurahaus“ hören?

Alexander Anetsberger, CSU

Das Jurahaus ist der typische, prägende Hausstil im Altmühl-Jura, der allerdings der Gefahr eines schleichenden Verschwindens ausgesetzt ist.

Dr. Bernd Weber, SPD

Historische Bauform im Altmühltal, Jurahaus in Pfünz, Flache Dächer mit Kalksteinplatten, niedrige Decken, kleine Fenster.

Dr. Alfons Frey, FW

Für mich bedeutet „Jurahaus“ zunächst Heimat. Ich bin in Eichstätt geboren und auf einem Juradorf aufgewachsen. Die noch vorhandenen und restaurierten Jurahäuser sind stets ortsbildprägende Schmuckstücke, die zum unverwechselbaren Charakter unserer Dörfer beitragen. Jurahäuser sind ein einmaliges kulturelles Erbe, das es zu schützen und zu erhalten gilt.

Deshalb haben meine Frau und ich einen alten Jura-Stadel zu einem Wohnhaus umgebaut. Meine ganze Familie schätzt die ausgezeichnete Wohnqualität und die unvergleichbare Wohnatmosphäre in diesem Gebäude.

Markus Pflüger, LIN

Leider bin ich derzeit so eingespannt, da ich ja meinen Hauptberuf auch noch ausfüllen darf, dass ich eine schriftliche Antwort, die ja entsprechend erschöpfend sein soll, derzeit nicht bewältige.

Welche Bedeutung sollen in Ihrer künftigen Arbeit als Landrat folgende Themen haben:

-Erhalt historischer Bausubstanz

-Maßnahmen gegen deren Verfall

-die Ortsbilder

Alexander Anetsberger,  CSU

Erhalt historischer Bausubstanz

Der Erhalt von denkmalgeschützter historischer Bausubstanz ist gesetzlich gesichert. Diesen Schutz begrüße ich ausdrücklich.

Maßnahmen gegen deren Verfall

Information der Öffentlichkeit über ihre Bedeutung, Unterstützung der Eigentümer durch Beratung und gegebenenfalls Förderung

Die Ortsbilder

Im Ensemblebereich und in gewachsenen Dorfstrukturen müssen die traditionellen Ortsbilder geschützt werden. Allerdings unterliegen auch sie einem Funktionswandel, dem durch behutsame Anpassungen Rechnung getragen werden muss.

Ein Instrument, um diese Ziele zu erreichen, ist die von mir angestrebte Fortsetzung des

Jurahaus-Sonderprogramms des Landkreises Eichstätt zum Erhalt der steinernen

Dachlandschaft. Gleiches gilt für die Landkreisförderung der Außensanierung von Kirchen.

Dr. Bernd Weber, SPD

Wo möglich sollte natürlich die historische Bausubstanz erhalten bleiben. Insbesondere dort wo die Ortsbilder dadurch geprägt werden (Beispiel Marktplatz Dollnstein). Andererseits darf die Gestaltung vor Ort nicht über Gebühr behindert werden. Ich werbe hier für ein echtes Miteinander aller Beteiligten.

Dr. Alfons Frey, FW

Da die meisten Gebäude in Privatbesitz sind, ist es von entscheidender Bedeutung, die Eigentümer zu sensibilisieren und zu unterstützen. Dies kann nur gelingen, wenn Gemeinden, Architekten und der Landkreis immer wieder den besonderen Wert der Jurahäuser herausstellen. Zusätzlich brauchen wir gelungene Beispiele als Leuchtturmprojekte, die Mut machen und zur Nachahmung anregen. Darüber hinaus müssen wir durch Fördergelder und Prämierungen auch Anreizsysteme schaffen. Das Jurahaus-Sonderprogramm des Landkreises Eichstätt ist hier ein richtiger Ansatz.

Wo sehen Sie im Landkreis Eichstätt besonderen Handlungsbedarf?

Alexander Anetsberger,  CSU

Einschränkung des Flächenverbrauchs durch sorgfältige Prüfung der Notwendigkeit neuer Bau – und Gewerbegebiete

Sanierung historischer Bausubstanz für eine zeitgemäße Nutzung (Wohnen (im Alter), Tourismus, Gewerbe, Kultur, …)

Dr. Bernd Weber, SPD

Diese Problematik ist fast überall im Landkreis vorhanden. Nicht genutzte historische Gebäude verfallen. Wir müssen in einem Miteinander dazu kommen, dass diese Gebäude genutzt werden können. Dies wird von allen Beteiligten Zugeständnisse erfordern.

Dr. Alfons Frey, FW

Eigentümer, die historische Bausubstanz erhalten haben, sollten mehr Anerkennung durch Gemeinden, Landkreis und Bezirk erfahren. Eine öffentlichkeitswirksame Prämierung durch den Landkreis Eichstätt wäre eine wichtige Möglichkeit, um auf den besonderen Stellenwert der Jurahäuser als unverzichtbares Kulturgut unserer Heimat aufmerksam zu machen.

In den Dörfern und Kleinstädten des Landkreises stehen zahlreiche historische Gebäude leer, die Ortskerne veröden, obwohl es geeignete politische und finanzielle Instrumente gibt, um Leerstände zu beheben. Welche möchten Sie anwenden?

Alexander Anetsberger,  CSU

Antworten am Beispiel Beilngries. Hierbei handelt es sich um Maßnahmen, die in meiner Amtszeit in Beilngries umgesetzt wurden und die auf andere Kommunen übertragbar sind.

Beratung der Eigentümer - https://www.beilngries.de/SanierenInAltstadt/ 

Bereitstellung von Fördermitteln (Städtebauförderung, die auch kommunale Mittel braucht)

Kommunales Förderprogramm - https://www.beilngries.de/antrag/kommunales/foerderprogramm/ 

Herausgabe einer Gestaltungsfibel mit Positivbeispielen - https://www.beilngries.de/antrag/kommunales/foerderprogramm/ 

Erstellung eines Gemeindeentwicklungskonzepts für die dörflichen Ortsteile, mit dem Innenentwicklungspotenziale ermittelt werden - https://www.beilngries.de/Altstadtkonzepte/ 

Installation eines Flächenmanagements im Rathaus - https://www.beilngries.de/Altstadtkonzepte/ 

Erlass eines einfachen Bebauungsplans zur verträglichen Nachverdichtung (für Kernstadt Beilngries) - https://www.beilngries.de/bauleitplaene/ 

Grundsatzbeschluss zur Innenentwicklung (Innen vor Außen)

Fortführung des Jurahaus-Sonderprogramms des Landkreises Eichstätt (s.o.)

Dr. Bernd Weber, SPD

Leider haben wir nicht nur Leerstände, sondern auch sehr viel unbebaute Bauplätze in unseren Ortskernen. Diese Thematik müssen wir landkreisweit angehen und zunächst mit Anreizsystemen eine Änderung herbeiführen. 

Dr. Alfons Frey, FW

Darüber hinaus brauchen wir in den Gemeinden und im Landkreis ein Umdenken. Ein erster Schritt in die richtige Richtung ist hier bereits getan: Gemeinden müssen vor der Ausweisung neuer Baugebiete den aktuellen Leerstand zumindest dokumentieren. Doch neben der Dokumentation des Leerstandes muss es uns gelingen, die Attraktivität der Ortskerne zu beleben. Durch innerörtliche Bebauungspläne haben die Gemeinden die Möglichkeit, hier gestaltend einzugreifen und insbesondere die zentrale Frage der Nachverdichtung konstruktiv anzugehen. Leerstandsbeseitigung und Nachverdichtung müssen eindeutigen Vorrang vor der Ausweisung neuer Baugebiete haben.

Der Jurahausverein sieht die Ausweisung neuer Baugebiete bei gleichzeitig zunehmendem Leerstand in den Ortskernen kritisch. Abbrüche und Neubauten gehören zu den größten CO2 – Verursachern. Was ist Ihre Position dazu?

Alexander Anetsberger,  CSU

Bei der Beurteilung, ob ein Erhalt möglich und sinnvoll ist, spielt die Wirtschaftlichkeit einer Sanierung durchaus eine Rolle. Unter dem Gesichtspunkt der Nachhaltigkeit muss aber auch die CO2-Bilanz in die Bewertung einbezogen werden.

Die Revitalisierung von Ortskernen ist nicht nur ästhetisch architektonisch, sondern auch sozial wünschenswert.

Dr. Bernd Weber, SPD

Ein Teil der Nachhaltigkeit ist für mich der Punkt „Renovieren statt neu

Bauen“. Gerade weil bei Neubauten sehr viel Energie verbraucht wird. In den meisten Fällen könnte man damit die Altbauten mehrere Jahrzehnte beheizen. Daher darf Abriss und Neubau erst nach gründlicher Prüfung der Ökobilanz erfolgen.  Dies werde ich als Landrat sehr früh thematisieren.

Dr. Alfons Frey, FW

Wir brauchen auch kreative Lösungen, was die Nutzungsmöglichkeit alter Bausubstanz anbelangt. Hier können öffentliche Träger mit gutem Beispiel vorangehen. Unter meinem Vorsitz ist es dem Trägerverein „Jugendhaus Fiegenstall“ gelungen, den alten Pfarrstadel sowie den historischen Pfarrhof in Fiegenstall denkmalgerecht zu sanieren und als Jugendbildungshaus mit neuem Leben zu füllen. 

Auch die Beispiele Dinkelsbühl und Rothenburg ob der Tauber zeigen eindrucksvoll, wie sich selbst schulische Nutzungen in historischen Gebäuden verwirklichen lassen. In beiden Städten sind mehrere Einrichtungen der Berufsschule in denkmalgeschützten Gebäuden untergebracht.

Möchten Sie uns sonst noch etwas mitteilen?

Alexander Anetsberger,  CSU

Das Jurahaus ist die prägende und identitätsstiftende Hausform im Landkreis Eichstätt. Sie gibt der Region ein Alleinstellungsmerkmal und sie verdeutlich viele historische und soziale Zusammenhänge unserer Heimat. Aufgrund ihrer Einzigartigkeit spielt sie nicht zuletzt für den Tourismus, der von regionalen Besonderheiten lebt, eine herausragende Rolle. Auch deshalb muss das im neuen Tourismuskonzept des Landkreises enthaltene Schwerpunktprojekt der „Touristischen Inwertsetzung leerstehender historischer Bausubstanz, insbes. von Jurahäusern“ in die Tat umgesetzt werden. Demgemäß kommt dem Erhalt der Jurahäuser ein großes Gewicht zu. Dieses Bekenntnis zu unserer (auch Bau-) Kultur ist in meinem Wahlprogramm für jeden einsehbar festgehalten.

Dr. Alfons Frey, FW

Abschließend möchte ich dem Jurahaus-Verein für sein Engagement ganz herzlich danken. Der Jurahaus-Verein war und ist ein entscheidender Motor für den Erhalt dieser einmaligen Baukultur.

 

Zusatzfrage praktische Erfahrungen Landrats-Kandidaten

Im Rahmen einer Zusatzfrage haben wir die Fragenliste um den Bereich der praktischen Erfahrungen ergänzt.

Bei Kandidaten, bei denen wir bereits mit Maßnahmen in irgendeiner Weise befasst waren, haben wir die Frage objektbezogen formuliert. 

Fragen des Jurahausvereins: Haben Sie bereits konkrete Erfahrung mit Erhalt, Vernachlässigung oder Abbruch eines historischen Gebäudes, sei es in privater oder amtlicher Funktion?

Alexander Anetsberger, CSU

Ich möchte Beispiele nennen, bei denen es gelungen ist, historische Bausubstanz in Beilngries zu erhalten. Diese sind wesentlich zahlreicher: Ich bitte Sie, auch diese bei ihrer Veröffentlichung zu berücksichtigen. (s.u.).

 Im Laufe der vergangenen sechs Jahre ist es mir gelungen, für folgende Objekte Sanierungen anzustoßen und dafür Mittel aus der Städtebauförderung zu akquirieren, die auch einen beträchtlichen Eigenanteil für die Stadt Beilngries vorsehen:

Brunnenbäckergasse 1

Brunnenbäckergasse 3 (denkmalgeschützt)

Brunnenbäckergasse 5

Stadtgraben 13

Poststraße zehn (in städtischen Besitz, Sanierung noch nicht begonnen) Hauptstraße 43 (denkmalgeschützt, mittlerweile saniert und wieder als Café in Betrieb) Lange Gasse 19 (hierfür lag bereits eine Abbruchgenehmigung aus der Zeit vor meiner Amtsübernahme vor)

Aus dieser Auflistung geht sicherlich klar und deutlich hervor, dass ich mich in vielen Fällen erfolgreich für den Erhalt historischer Bausubstanz eingesetzt habe.

Dr. Bernd Weber, SPD

Ich bin in einem Fachwerkhaus aufgewachsen und durfte meiner Schwester bei der Renovierung eines Fachwerkgebäudes behilflich sein.

Dr. Frey, FW

Bereits als Jugendlicher durfte ich bei der Sanierung unseres alten denkmalgeschützten Pfarrhofes in Rupertsbuch mithelfen und habe dabei erfahren, wie aus einem völlig desolaten Gebäude ein Wohnhaus mit ausgezeichneter Wohnqualität entstand das zudem für unser Ortsbild bereichernd und prägend ist.

Aus diesem und vielen anderen positiven Beispielen entstand dann auch der Wunsch, für unseren katholischen Jugendverband (KLJB) ein Jugendbildungshaus nicht neu zu bauen, sondern einen historischen, vom Verfall bedrohten Pfarrhof zu sanieren. Unter meinem Vorsitz als Diözesanvorsitzender ist es dem Trägerverein „Jugendhaus Fiegenstall“ dann auch gelungen, den alten Pfarrstadel sowie den historischen Pfarrhof in Fiegenstall denkmalgerecht zu sanieren und als Jugendbildungshaus mit neuem Leben zu füllen.

Es war für mich stets ein Lebenstraum, in einem historischen Gebäude zu wohnen. Auch meine Frau, die selbst in einem (inzwischen sanierten) Jurahaus aufgewachsen ist, teilt diese Leidenschaft für alte Gebäude. Deshalb haben wir beide einen alten Jura-Stadel zu einem Wohnhaus umgebaut. Meine ganze Familie schätzt die ausgezeichnete Wohnqualität und die unvergleichbare Wohnatmosphäre in diesem Gebäude.

Da auch unsere vier erwachsenen Kinder diese Liebe zu alten Gebäuden teilen, haben wir inzwischen ein weiteres Jurahaus gekauft und saniert. 

Ich bin davon überzeugt, wenn es uns gelingt, diese Begeisterung für historische Gebäude weiterzugeben, gerade auch an junge Menschen, dann ist das der beste Weg, Jurahäuser zu erhalten. Dies lässt sich nicht mit Zwang erreichen, sondern nur durch Sensibilisierung - auch in den Schulen -, durch gelungene Leuchtturmprojekte und gerade auch durch das eigene Vorbild.

Frage an Alexander Anetsberger:

Vor einigen Jahren haben Sie als Bürgermeister von Beilngries u.W. den Abbruch der Mittelmühle befürwortet, obwohl es eine Bürgerinitiative zu deren Erhalt gab. Das Gebäude war in gutem Zustand und prägte seit dem 17. Jhdt. das Stadtbild. Wie stehen Sie heute zu dieser Entscheidung?

Der Jurahausverein erhielt damals von verschiedenen Seiten die Nachricht, dass man sich für den Erhalt der Mittelmühle einsetze und um Unterstützung bitte. U.W, gab es dazu einige Bürgertreffen.

Alexander Anetsberger, CSU Bei der Mittelmühle habe ich mich im Jahr 2014/15 tatsächlich für das neue Bauvorhaben, das an gleicher Stelle errichtet werden sollte, und damit für einen Abbruch ausgesprochen. Das Gebäude war nicht als Einzeldenkmal eingetragen. Lediglich der Türstock des Hauseingangs aus Naturstein war ursprünglich vom Denkmalschutz erfasst, jedoch war auch das zum Entscheidungszeitpunkt nicht mehr der Fall. Das Gebäude war sowohl innen wie auch außen mehrfach umgestaltet worden und hatte mit einem erhaltenswerten Originalzustand nur mehr wenig gemein. Der gute Zustand, den Sie anführen, spielte bei der erteilten Genehmigung keine Rolle. Die angesprochene Bürgerinitiative gab es nicht. In erster Linie sprachen sich die unmittelbaren Anwohner mehr für den Erhalt einer alten Linde und für eine möglichst geringe Dimensionierung des neuen Vorhabens aus, nicht aber für den Erhalt der Mittelmühle. Am Ende entschied sich der Stadtrat mehrheitlich für den Abbruch.